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Fotojournalismus-Lehrauftrag in Berlin: Studierende analysieren Reportagefotos zu Flucht, Migration und Bildethik anhand von Print-Abzügen auf einem Tisch

Was macht einen guten Fotojournalisten aus? Was braucht eine Fotojournalistin, um erfolgreich zu sein? Welche Wirkung hat ein Ikonisches Foto und was macht etwa Nick Úts Napalm Girl zu einer solchen Aufnahme oder wieso hatte Kevin Carter mit seinem Bild vom Geier und dem kleinen Mädchen so sehr – persönlich und wirtschaftlich – zu kämpfen? Solche und ähnliche Fragen habe ich mir einige Wochen lang zusammen mit Studierenden aus den USA gestellt. Im Rahmen eines Lehrauftrags unterrichtete ich bei CIEE Berlin Studierende aus verschiedenen Hochschulen der USA in ihrem Bachelor-Programm im Fach Photojournalism.

Die Truppe kam aus dem ganzen Land. University of Wisconsin–Madison, Indiana University, Wake Forest und Vanderbilt, dazu ein paar weitere. Bachelor-Studierende, irgendwo zwischen 19 und 22, ein Semester Berlin im Open-Campus-Format des CIEE in Berlin-Mitte. Ich war als Dozent für Photojournalism dabei, auf Englisch, mehrere Wochen lang.

In diesem Jahr war ich erstmals auch bei der Demonstration zum „Revolutionären 1. Mai“ in Berlin-Kreuzberg dabei. Für verschiedene Kunden begleitete ich mit meiner Kamera die wohl berühmteste Mai-Demo Deutschlands in der Hauptstadt.

Fotojournalismus lehren: Theorie als Fundament

Man kann das Fach nicht unterrichten, ohne sich an Cartier-Bresson abzuarbeiten. Der „entscheidende Moment“ ist ein guter Anker, an dem man im Seminar über Bildkomposition und Timing streiten kann, aber er ist eben auch von 1952. Bei Susan Sontag waren wir dann recht schnell bei den unbequemen Fragen, also: was ein Bild bei den Abgebildeten anrichtet, was bei mir als Fotograf, was beim Publikum. Da wurde es in mehreren Sitzungen ziemlich still im Raum.

Mir war wichtig, dass wir nicht im Jahr 1980 hängen bleiben. Was passiert mit unserem Beruf, wenn jede Person im Raum ein besseres Kameramodul in der Hosentasche trägt als ich vor zehn Jahren in der Fototasche hatte? Was passiert, wenn KI in Sekunden ein fotorealistisches Bild ausspuckt, das nie stattgefunden hat? Antwort der Gruppe nach drei Sitzungen, sinngemäß: gerade deswegen interessiert uns das tatsächlich Erlebte wieder.

Technisch war ich wiederum an einem Punkt, den wir eigentlich längst überwunden hatten und der nun zurückkommt: Der Einsatz eines direkten Aufsteckblitzes. Eine Maßnahme, die in Zeiten von enormen ISO-Zahlen und riesigen Offenblenden eigentlich überholt scheint und dennoch unter Fotojournalist*innen wieder immer mehr Anklang findet. Wieso das so ist? Für mich bleibt es ein kleines Rätsel, das ich mir aber mit dem Aufkommen von perfekten Fotos durch AI zu erklären versuche und mit dem Ansatz, dazu einen Kontrapunkt zu setzen. Wie auch immer: Ich habe es mal so gemacht und bin erstaunlich zufrieden mit dem, was am Ende rauskam: Scharfe, besonders und sehr individuell ausgeleuchtete Fotos, die auch das Geschehen während der Nacht nach dem 1. Mai noch eindrücklich abbilden. Reinschauen lohnt sich!

Co-Curricular Sessions: Gästinnen aus Pressearbeit und Auslandsjournalismus

Es bringt nichts, wenn am Pult nur einer steht und erzählt, wie der Beruf angeblich ist. Ich habe deshalb zwei Kolleginnen aus meinem Netzwerk in die Sessions geholt, die Ecken des Fachs vertreten, von denen ich selbst zu wenig weiß.

Elke Siedhoff-Müller ist Pressesprecherin der Klassik-Stiftung Weimar und hat den Studierenden gezeigt, wie eine Kulturinstitution mit Bildern arbeitet. PR-Fotografie ist im Studium praktisch unsichtbar und im Berufsalltag ein riesiger Teil des Geschäfts. Wer Pressetermine plant, wer Bildsprache einer Institution mitgestaltet, wer die Aufträge vergibt — die Studierenden hatten danach eine konkrete Vorstellung davon, an wessen Schreibtisch ihre späteren Anfragen landen werden.

Anna-Theresa Bachmann hat anschließend über Auslandsjournalismus geredet, und zwar so, wie man darüber redet, wenn man es selbst macht. Wozu Fixer da sind, was eine schlecht vorbereitete Reise kostet, warum HEAT-Kurses (Hostile Environment Awareness Training) keine Folklore sind. Für die Gruppe aus den USA war das vor allem deshalb interessant, weil man dort über die Schattenseiten des Berufs deutlich seltener so offen redet.

Co-Curricular Sessions: Gästinnen aus Pressearbeit und Auslandsjournalismus

Es bringt nichts, wenn am Pult nur einer steht und erzählt, wie der Beruf angeblich ist. Ich habe deshalb zwei Kolleginnen aus meinem Netzwerk in die Sessions geholt, die Ecken des Fachs vertreten, von denen ich selbst zu wenig weiß.

Elke Siedhoff-Müller ist Pressesprecherin der Klassik-Stiftung Weimar und hat den Studierenden gezeigt, wie eine Kulturinstitution mit Bildern arbeitet. PR-Fotografie ist im Studium praktisch unsichtbar und im Berufsalltag ein riesiger Teil des Geschäfts. Wer Pressetermine plant, wer Bildsprache einer Institution mitgestaltet, wer die Aufträge vergibt — die Studierenden hatten danach eine konkrete Vorstellung davon, an wessen Schreibtisch ihre späteren Anfragen landen werden.

Anna-Theresa Bachmann hat anschließend über Auslandsjournalismus geredet, und zwar so, wie man darüber redet, wenn man es selbst macht. Wozu Fixer da sind, was eine schlecht vorbereitete Reise kostet, warum HEAT-Kurse (Hostile Environment Awareness Training) keine Folklore sind. Für die Gruppe aus den USA war das vor allem deshalb interessant, weil man dort über die Schattenseiten des Berufs deutlich seltener so offen redet.

Fotografiska Berlin: Reportagefotografie von James Nachtwey

Irgendwann reicht der Seminarraum nicht mehr. Wir sind in die Fotografiska in Berlin, dort lief eine Ausstellung von James Nachtwey. Bilder, die man auf einem Laptop tausendmal gesehen hat und die im Original trotzdem anders zuschlagen. Vor zwei, drei Abzügen standen wir lange. Reportagefotografie, Bildethik, die Frage nach Nähe und Distanz, das Verhältnis von ästhetischer Wucht und dokumentarischem Anspruch — solche Diskussionen führt man in einem Raum, in dem die Bilder zwei Meter hoch an der Wand hängen, anders als bei Powerpoint.

Praxis in Berlin: Porträtfotografie und Street-Photography

Zwischen Theorie und Gastsessions sind wir immer wieder raus mit der Kamera. Zwei Sachen wollte ich vertiefen: Porträt und Street-Photography mit Reportage-Anspruch.

Beim Porträt ging es nicht um Studiolicht, sondern um die Frage, wie man in fünfzehn Minuten zu einem fremden Menschen genug Vertrauen aufbaut, dass ein Bild entsteht, das mehr ist als ein Snapshot. Tageslicht, ein einfacher Aufsteckblitz, viel Reden. Die Studierenden haben sich gegenseitig porträtiert, danach Berliner Passantinnen und Passanten gefragt, ob sie kurz für ein Foto stehen bleiben. Es war für viele das erste Mal, dass sie das jemanden auf der Straße gefragt haben. Bei manchen hat es zehn Anläufe gebraucht, bis sie überhaupt jemanden ansprachen.

Bei der Street-Photography war meine Vorgabe: keine ästhetischen Übungen im luftleeren Raum. Wir wollen wissen, was hier gerade passiert, und das soll im Bild stehen. Berlin macht es einem einfach. Eine Straße in Kreuzberg liefert in zehn Minuten mehr Situationen, als man durchfotografieren kann. Wir haben uns hinterher die Ergebnisse zusammen angeschaut, und die Frage war immer dieselbe: erzählt das Bild dir, was da los war, ohne dass du dabei warst?

Lehrauftrag Photojournalism auf Englisch in Berlin

Englisch zu unterrichten ist nochmal ein eigener Posten. Fachbegriffe musst du sauber haben, deutsche Beispiele musst du übersetzen, ohne dass der Kontext verloren geht, und du merkst sehr schnell, an welchen Stellen dein eigenes Vokabular Lücken hat. Der Lehrauftrag bei CIEE Berlin war für mich genau deshalb interessant: internationale Studierende, deutsche Hauptstadt, fotojournalistische Praxis, und der Zwang, alles davon in einer zweiten Sprache zu verhandeln. Ein Format, das so an wenigen Orten in Deutschland zu haben ist.

© 2026 PPBraun – Journalist und Fotograf aus Erfurt in Thüringen - Nachrichten und Fotografie aus einer Hand