Der Behandlungsraum ist nur ein paar Quadratmeter groß: ein Stuhl, eine Lampe, zwei Zahnärzte, ein Übersetzer, ein Patient. Und ich, mit zwei Kameras. Im Juli habe ich auf Chios die Arbeit der deutschen Organisation Dental EMT begleitet, fotografisch und journalistisch.
Weniger Ankünfte, gleicher Bedarf
Die Zahlen der ankommenden Geflüchteten in der Ostägäis gehen seit Monaten zurück, die Lager auf Chios, Lesbos und Samos sind nur noch zu einem kleinen Teil gefüllt. Der Bedarf an zahnmedizinischer Versorgung bleibt, das Team ist mit einer festen Zahnstation im Lager Vial vertreten. Wo keine sichtbare Krise mehr zu sehen ist, funktionieren die bekannten Bilder nicht. Man muss länger bleiben und die Geschichte in Abläufen finden statt in Zuständen.
Am ersten Tag blieb die Kamera überwiegend unten. Vorstellen, erklären, wofür die Bilder gedacht sind, fragen: Einverständnis ist bei diesem Thema keine Formalie. Wer nicht wollte, wurde nicht fotografiert, und das war mehrfach der Fall. Für Auftraggeber ist dieser Teil unsichtbar, er entscheidet aber über alles Weitere. Nur wenn Patient*innen und Team mich nicht als Störung erleben, entstehen Bilder, die nicht gestellt wirken.
Bild und Text aus einer Hand
Kein Platz für Stativ oder Aufheller, kein Blitzlicht während der Behandlung, keine Möglichkeit, den Raum für ein Motiv umzubauen. Ich arbeite mit vorhandenem Licht, mit kurzen Brennweiten aus nächster Nähe und mit Details, wenn ein Gesicht nicht gezeigt werden kann. Konkret und trotzdem würdevoll: Diese Entscheidung fällt am Motiv, nicht später am Rechner. Es sind klassische Reportagen.
Parallel dazu recherchiere ich den Text. Gespräche mit Team und Patienten, Abläufe notieren, Zahlen prüfen, medizinisch nachfragen. So bleibt der Text mehr als eine ausgedehnte Bildunterschrift. Für Auftraggeber heißt das: Fotografie und Reportage aus einem Einsatz, in einer Handschrift. Es war nicht mein erster Einsatz mit diesem Team, ich war bereits im Südsudan dabei. Diese Kontinuität ist der eigentliche Wert, kürzere Anlaufzeit vor Ort und über die Jahre ein Archiv, das eine Entwicklung zeigt statt einzelner Momentaufnahmen.
Neben der Station habe ich eigene Geschichten gesucht, etwa Kostas, Wirt auf der Insel, der sich seit Jahren für Migrantinnen und Migranten einsetzt, ohne große Organisation im Rücken und ohne Programm. Solche Protagonist*innen stehen in keinem Presseverteiler.




